Kategorie: Erlebnisberichte Nava Disa

Sala Nava Disa

Ich reiste nach Nava Disa in der Hoffnung auf Klarheit, Entspannung, Ruhe.

Wir kamen mit Master Han Shan und seinen beiden Begleiterinnen erst bei vollkommener Dunkelheit in Nava Disa an, fuhren durch ein großes Tor, das wieder verschlossen wurde, an Seen mit geschlossenen Lotusblüten vorbei und hielten an einem achteckigen Pavillon, das ich vorerst für eine Kapelle hielt. Es war voll von Räucherstäbchen, Kerzen, Buddhastatuen, glitzernden Schmuckgegenständen. Dies sollte meine Wohnstatt werden. Hier schlief ich auch seit Jahren zum ersten mal richtig fest. Doch dabei sollte es auch bleiben.

Hell strahlte die Sonne, als wir uns zum morgendlichen Chantig in der Meditationshalle trafen. Die tönende Stimme des Meisters, die Abgeschiedenheit und exotische Schönheit dieses Ortes, das viele Licht rückten die Erinnerung an den grauen Alltag in Deutschland vollkommen weg.

Auch das Frühstück, das die beiden Frauen Legh und To servierten, übertraf bei weitem das, was ich gewöhnlich zu hause esse. Gebratene Eier mit Käse und Röstkartoffeln, Butter, vegetarischer Aufstrich, frisches Obst und Saft, Tee nach Wunsch oder Kaffee. Im Urlaub hätte ich das genossen, aber hier spürte ich einen inneren Druck, eine Spannung, die im Raum lag. Widerstand kam in mir auf und leiser Ärger.

Es fühlte sich ein bisschen wie Energiefeldreinigung an, doch maß ich diesem Umstand keine Bedeutung zu. Danach zeigte mir Master Han Shan sein Reich, das sich über 22 ha erstreckt. Zum ersten Mal registrierte ich einen Steinbrunnen mit riesigen Muscheln, Orchideen, einem sonderbaren Baum darauf, dessen Luftwurzeln wie Fangarme in die Steinmasse hineinkrochen. Flankiert von einer Baumgruppe und einem kleinen Wäldchen. diente dieser der Ort für Meditationen und Energiefeldreinigungsduschen.

Master Han Shan führte mich die verschlungenen Wege entlang, erklärte mir die mit besonderen Steinen auf dem Boden ausgelegten Symbole, Brunnen, Bäume und Sträucher, das ausgeklügelte Wassersystem des Ortes.

Es gab hier drei miteinander verbundene Seen unterschiedlicher Größe und Qualität. Der See linkerhand zeigte nur noch wenig schlammiges Wasser, obwohl er von Goldfischen wimmelte, ein anderer See besaß in der Mitte eine Insel, die über eine Hängebrücke mit dem "Festland" verbunden war, aus dem größten See aber ragte unweit des Ufers ein künstliche errichtetes achteckiges Podest aus dem Wasser, das ein Dach trug und in der Mitte die Göttin der Liebe und die Göttin der tausend Gaben beherbergte.

Die Meditationshalle stellte einen besonderen Ort dar, nicht nur, weil der Meister das sagte. Es ist ein in sich geschlossener Raum mit der hell erleuchteten Buddhastatue vor der Felsfront, einen Wasserlauf zu Buddhas Füßen, den schönen grünen Pflanzen und Spiegeln an der Decke.

Wenn das Metaphysic Retreat Center einen umgibt, bleibt alles bisherige Leben draußen, hinter dem verschlossenen Tor. Die Welt, aus der man kam, existiert nicht mehr, nicht im Gefühl und nicht in Gedanken. Was wir gewöhnlich für Wahr nehmen, sind aber unsere Gedanken und Gefühle. Wir halten sie für objektive Realität, die einem Halt gibt, hier musste ich erleben, dass genau diese Art der Objektivität dem steten Wandel unterliegt. Andererseits ist alles, was wir denken und fühlen, real. Das ist Freiheit und Unfreiheit in einem.

Das frisch zubereitete Mittagessen mit Vorsuppe, Hauptgang und Dessert hätte der Höhepunkt desersten Tages werden können. "Iß was", redete Han Shan auf mich ein, aber ich konnte gar nicht essen, weil ich mich plötzlich allein und sichtbar fühlte und weil des Meisters Augen sich förmlich in meine Eingeweide bohrten. Es gab ein Gespräch auf der nonverbalen Ebene und ein Gespräch in Worten und Sätzen. Das Gesprochene war nur klingender Wortschwall, eine Vibration, die sich schnell körperlich manifestierte. Und wieder reagierte der Körper knurrend, Missbehagen kochte auf.

Ich streifte über`s Land und konnte nicht entspannen. Das war kein Paradies für Faulpelze, kein Erholungszentrum für ausgelaugte Europäer. Vor der Abendmeditation gab es wieder ein Gespräch mit Han Shan, und wieder blieb ein Widerhaken stecken. Ich wollte nichts über den Buddhismus hören. Ich schaltete das Hören ab, aber der Körper vibrierte einfach weiter Die Abendmeditation, vom Chanting eingeleitet, dauerte länger als am Morgen, ihre Qualität ließ sich in keiner Weise mit dem Meditationstag in Dresden vergleichen, denn das hier war Energiearbeit pur.

Sie strengte an wie Schwerstarbeit. Der Körper stand die ganze Nacht unter Strom wie ein Stück Draht, das an eine Batterie angeklemmt ist. Warum konnte ich nicht schlafen, obwohl der Körper erschöpft war, obwohl nichts wirklich passierte?

Erinnerungen haben es an sich, nur bedingt der Wahrheit zu entsprechen, da sie stets durch den Filter von Überlagerungen und Erlebnissen hindurchsickern bevor sie das Bewusstsein erreichen. Meine Erfahrungen in Nava Disa haben mich verändert, Diesen Ort sah ich am ersten Tag anders als es mich die Erinnerung lehrt. Es gibt keine Vergangenheit. Das, was geschieht, bleibt einfach nur eine Tatsache, alles andere folgt daraus. Was ist dann aber die Wahrheit? Jeder fühlt sie in sich, keiner kennt sie. Mit dem Vorsatz, dieser Wahrheit näher zu kommen, war ich hier, zugleich aber, und das war mir nicht klar, wollte ich gerade die Wahrheit nicht wissen.

Am zweiten Tag saß ich wieder Aug in Aug dem Meister gegenüber und fühlte, dass er in mich hineingucken konnte, wusste, dass er meine Gedanken hörte, bevor ich sie aussprach. Und was ich zu sagen hatte, blieb gegenstandslos. Bei jedem Schluck und jedem Atemzug fühlte ich mich beobachtet. "Hoffentlich weiß er jetzt nicht, was ich so denke", dachte ich. Er verzog keine Mine. Anschließend folgte die übliche Verdauungspause von drei Stunden. Ich schleppte mich zu den Seen, aber kein vernünftiger Gedanke kam. Unter dem stetig makellos blauen Himmel der Tropen lief ich über die Brücke zur Göttin der Liebe. Wie ungewohnt war doch diese östliche Welt. Wie weit und hell andererseits auch.

Keinerlei Verbindung zum bekannten gewohnten Leben. Sehr bald begriff ich, dass ich von hier aus niemanden von Bekannten oder Verwandten erreichen würde und dass die vertrauten Pfründe meiner heimischen Existenz im Nichts verschwanden. Abends sank die Sonne so rasch, dass man es beinahe mit dem bloßen Auge sehen konnte. Bevor sie hinter die schwarze Waldfront unterging, spiegelte sie sich in prächtigen Farben von Purpur, Orange, Gelb, dann Türkis in der regungslosen Oberfläche des Sees wieder. "Was mache ich nur hier?", fragte ich mich. Der Kopf schwoll zu einer riesigen Kugel an, ein Hohlraum, in dem dauernd Kommentare und fertige Sätze auftauchten.

Wie ein Kopfschmerz. Deswegen war ich nicht hier. In mir kam das dringende Bedürfnis auf, im See zu baden, um den Schmutz abzuwaschen.

Während der Abendmeditation baute sich plötzlich unter dem enormen inneren Druck eine Art Energiesäule über dem Kopf auf. Das fühlte sich so an, als würde der Geist über die Schädeldecke nach oben entweichen. Darin befand sich die gesamte Aufmerksamkeit. Das Konzentrat der inneren Anschauung. Nachts konnte ich nicht schlafen, hörte von ferne Hundejaulen und Männerstimmen, das Herz krampfte sich zusammen und ich bat darum, dass dies aufhöre. Ganz unerwartet näherte ich mich den Stimmen, und beinahe konnte ich die Männer genau wahrnehmen. Ein Teil von mir konnte an diesen fernen Ort gelangen. Das erschreckte mich und ich ging schlafen.

In den Gesprächen ging es viel um Buddhismus. Aber eigentlich wollte ich über mich selbst was erfahren. Das darf man hier auch. Prompt kamen Gegenfragen, und während ich antwortete, änderte sich meine Einstellung zu mir selbst, klärte sich die selbst kreierte Meinung von dem, was ich bin, von allein auf. Was bin am Ende "ich"?

Abends saß ich wieder am See und betrachtete das Spiegelbild des erlöschenden Himmels im Wasser.

Mit Master Han Shan am Tisch war ich wieder allein und der ungeheueren Anforderung seiner Präsenz ausgeliefert. Konnte über alles sprechen, was mich betraf. Aber es kam nicht da an, wo es sollte. Denn jede Eitelkeit, jede Pose wurde vom Meister sofort zurückgewiesen. Sehr bald wurde klar, dass das ein Ort war, an dem man alle Kleider, Masken und Gewohnheiten ablegen musste. Hier durfte man andererseits alles tun, da die Etikette nicht existiert - rülpsen, in der Nase bohren, schlürfen, Meinungen äußern. Nur wird das alles gespiegelt, und man muss es aushalten. Dies ist ein märchenhaftes Land der Spiegel.

Irgendwann in der Nacht, als ich nicht schlafen konnte, ging ich hinaus zum Brunnen mit dem sonderbaren Baum und spürte plötzlich einen Kraftstrahl, der von oben in mich hinein floss. Das fühlte sich so an, als würden Ameisen auf der Haut herumkrabbeln. Über dem Kopf bildete sich ein Strudel. Der samtschwarze Himmel mit glänzenden, gestochen scharfen Sternen verharrte in gänzlicher Ruhe über dem Geflecht von Zweigen. Zugleich besaß er eine ungewöhnlich Tiefe. Von da an verweilte ich an diesem Ort gerne nachts, denn hier erlangten die Gedanken eine ungewöhnliche Präzision, und man erhielt plötzlich Antworten auf Fragen, hier ließ es sich auch besonders gut meditieren.

Es gab noch einen anderen besonderen Ort in diesem Reich. Unten am See, neben der Göttin der Liebe schloss die Welt einen in eine sanfte Umarmung ein. Hier herrschte vollkommene Harmonie und Ganzheit ohne Strom und Vibration. Jeden Abend saß ich hier und betrachtete das grelle Aufleuchten der Farben im See. Hier in der Nähe des Äquators, steigt und fällt die Sonne im rasanten Tempo. Sie zieht ihre Bahn über dem Kopf. Und kaum verglüht das Licht im Westen, so steigt im Osten bereits der Mond auf und die Luft, die tagsüber heiß und still ist, füllt sich mit den Stimmen der Nachtvögel und dem Zirpen der Insekten.

Auf dem Podest über dem See schlief ich auch die meiste Zeit auf einem extra bereitgestellten Bett. Doch während des gesamten Aufenthaltes kam mir kein einziges Mal der Gedanke, dass ich mich hier im Ausland und in exotischer Umgebung befinde.

Die Tage und Nächte blieben anstrengend, so dass ich den Wunsch verspürte, diesen Ort zu verlassen. Doch schlug ich die Angebote, das Land mit dem Auto zu besichtigen, aus. Denn einerseits schien mir das zu aufwendig, andererseits hielt mich irgendetwas im Center zurück, etwas, was zu verstehen oder zu erledigen war.

In Nava Disa ist man allein, sich selbst überlassen, niemand braucht einen, niemand will was von einem. Und dabei soll man auch noch entspannen können! Der Anspruch, nur noch sich selbst Aufmerksamkeit zu schenken und all dem, was in einem ist, scheint die Nächstenliebe ja geradezu mit den Füßen zu treten. Es ging ja auch um das "law of nature" und nicht darum, ein guter Mensch zu sein. Wiewohl im Buddhismus gute Taten das Karma positiv beeinflussen ebenso wie im Christentum.

Allmählich gewöhnte ich mich an das, was ich so darstellte und an das, was in mir war. Die "Konzentrationssäule" über dem Kopf wuchs von Tag zu Tag, viel schneller, als ich es erwartet oder gewünscht hatte. Zugleich schärfte sich das Denken, es bekam eine Geschwindigkeit und Genauigkeit wie in den besten Zeiten meines Lebens.

Die Lehre des Buddha faszinierte mich immer mehr. Hier stand am Anfang der Zweifel, der zweiflerische, suchende Mensch. Er suchte nach Linderung des Leides, Erlösung vom Leid. (Da muß ich doch gleich auch an andere Religionen denken.) Alles konnte ich Master Han Shan fragen, und jede Antwort ergab Sinn auf allen denkbaren Ebenen, jeder Gedanke fügte sich wie ein Puzzle in den Kosmos der Lehre ein. Jedoch soll man nichts glauben, was andere erzählen, sondern es selbst erfahren. Zu diesem Thema ließe sich einiges an Überlegungen ausführen, denn für jemanden, der Energien nicht sehen und nicht wahrnehmen kann, ist die Annahme der Existenz einer feinstofflichen Ebene eine Glaubensfrage. Man glaubt so lange, bis man es selber sieht oder spürt.

Die rationale, universelle und auch heute noch moderne Lehre des Buddhismus bezieht sich allein auf den Menschen ohne dass sie auf hypothetische Annahmen angewiesen wäre. Es gibt die Reize von außen und ihre Verarbeitung durch den Menschen, mehr nicht. Dabei sind die einzelnen Verarbeitungsebenen - vom Reiz bis zur Wahrnehmung - vom Buddha so genau erfasst, wie es die moderne Neurophysiologie nicht besser tun könnte. Es geht darum, das Bewusstsein so zu schärfen, dass es einen Zugriff auf das Unterbewusstsein bekommt, darin liegt nichts Übernatürliches. Das Resultat ist überwältigend, da durch diese Übungen die Wahrnehmen sich verändert. Die Realität wird dadurch nicht etwa eine andere, sondern einfach eine erweiterte. Sie reagiert auf Gedanken und Gefühle. Diese Erfahrung muß man gemacht haben, um zu wissen, dass es so ist.

Hier durfte ich zum ersten Mal erleben, woran ich so lange zweifelte: dass die feinstoffliche Ebene ebenso materiell ist wie die sichtbare Welt, dass der schwerfällige Körper nur ein Teil unserer Existenz ist, dass die eigentlichen Veränderungen unsichtbar, unfassbar, sehr wohl aber realisierbar sind. Ob man die Welt dual oder einheitlich wahrnimmt, das ist letzlich eine Erfahrungs- oder Ansichtssache.

Irgendwann zu Beginn meines Aufenthaltes kam von Ferne allabendlich furchtbares Schreien und Wimmern eines misshandelten Hundes herüber. Immer zur Meditationszeit. Es war unerträglich. Normalerweise würde man, mit einem Stock bewaffnet, runter ins Dorf gehen und für Ordnung sorgen. Das hat immer eine nachhaltige Wirkung. Hier aber blieb ich stumm und regungslos und bat alle Kräfte des Himmels um Erlösung von den Qualen. Das Bewusstsein zog sich so weit zusammen, dass es durch die Schädeldecke nur so flutschte. Wenige Tage später kam ein zerschundener Hund in das Center, röchelnd vor Schmerz mit blutig gescheuertem Hals. Aber die Schreie haben seit dem Tag aufgehört und der Hund blieb in der Obhut liebevoller Hände.

Allmählich spielte für mich die Zeit keine Rolle mehr, und das Zuhause war vergessen. In den Träumen kamen Visionen von unbekannten Orten und fernen Zeiten, an denen ich mich plötzlich befand. Dabei kam mir der Gedanke, dass der Mensch ja auch nur ein Generator ist, zugleich auch ein Empfänger für Informationen. Durch mich ging alles hindurch, aber ohne mich ging das auch nicht.

Tagsüber kamen ganz unerwartet Bilder aus meinem Leben, nicht als Erinnerung, sondern als direkt erlebte Situationen. Kaum wollte ich nach ihnen greifen, waren sie schon verschwunden. Täglich badete ich im großen See und ließ die Sonne auf die Haut prasseln, betrachtete die sonderbaren Blumen, und dann kamen längst verschollene Ereignisse wieder hoch. Es gibt ein Zeitfenster, durch das man jedes Ereignis sehen kann oder durch das man überall hinkommen kann - das ist das Jetzt. Das waren wahrhaftig glückliche Augenblicke vollkommenen Seins. Die Wahrheit, nach der ich suchte, lag in mir selbst. Manchmal sah ich vor meinem inneren Auge auch Menschen, die in Deutschland waren, und wusste, dass sie an mich dachten.

Die acht Wochen in Nava Disa waren zu kurz. Es blieben noch so viele Fragen offen.
Aber das ganze Leben dient ja nur der Arbeit an sich selbst.

Als ich in das winterliche Deutschland zurückkehrte, war alles beim alten. Nichts hat sich verändert, als wäre ich nie weg gewesen, als sei keine Zeit vergangen. Nur die Menschen waren irgendwie nett geworden, ganz ohne Boshaftigkeit. Ich grüßte die Nachbarin. Sie schaute stumm herüber, dann lächelte sie plötzlich und sagte: "Ich habe Sie gar nicht wieder erkannt, sie sehen irgendwie ganz anders aus." Und dann nach einer kurzen Pause: "Sie haben eine solche Ruhe in sich, wie ich das bei Ihnen noch nie erlebt habe."

Ellen