Kategorie: Erlebnisberichte Nava Disa

Buddha in Nava Disa

Sein Auto, sein Haus, seine Yacht - alles gab er fort. In einer Nacht vor vierzehn Jahren änderte sich seine Einstellung zum Leben von Grund auf. Kurze Zeit später wurde er Mönch. Ein wenig wehmütig wurde Hermann Ricker damals nur, als er seine Kois weggab.

Alles begann 1974 kurz vor seinem 23. Geburtstag, als der gebürtige Offenbacher mit seiner Frau nach Singapur ging, um dort Produktionsleiter der Firma Rollei zu werden. Deutschland war mir einfach zu verkrustet, ich wollte raus und andere Kulturen kennenlernen. Nicht einmal die Familie hielt ihn in Deutschland. In seinem Buch "Wer loslässt, hat zwei Hände frei", das in diesen Tagen erscheint, schreibt er, er sei immer "der stille, eher unergründliche Außenseiter" gewesen. In der neuen Umgebung fühlte er sich schnell wohl. Der Zusammenhalt unter Kollegen und die östliche Lebensweise begeisterten ihn.

In seinem Job ging er auf. Im Gegensatz zu seiner Frau. Sie fand als gelernte Sekretärin keine Anstellung, langweilte sich und reiste nach einem halben Jahr zurück nach Deutschland. "Für mich war es eigentlich nie eine Frage, ob ich zurück nach Deutschland gehe", meint Ricker, der heute Master Han Shan (großer Berg) heißt - und der sich damals bald scheiden ließ. Geschäftlich gelang ihm alles. Die Produktion lief auf Hochtouren, bald gründet er seine eigene Firma, dann eine Holding. Er erzielte Jahresumsätze von über 30 Millionen Dollar, beschäftigte 1000 Angestellte. „Mein Glück als Millionär war es, gute Geschäfte zu machen.“ Schon damals sei es ihm wichtig gewesen, alles im Fluss zu halten, so dass Zulieferer, Kunden ein gutes Gefühl beim Abschluss haben. Überheblichkeit oder Allüren seien nicht seine Sache gewesen. Nie habe er mit dem Ziel gehandelt, Geld zu scheffeln. Schon damals meditierte er, um seine Aufmerksamkeit zu schärfen.

Schwüle lag über dem Rollfeld, als ich in die kleine Maschine stieg, die mich von Bangkok nach Nakon Phanom bringen sollte, meinem nächsten Ziel auf der abenteuerlichen Reise zu mir selbst.
 
Ich zog den Kopf ein und zwängte mich auf den Fensterplatz vorn in der vierten Reihe. Ächzend hob der Flieger ab. Schon bald ließen wir die Küstenlinie hinter uns. Mein Blick blieb an den Flüssen hängen, die sich riesigen Schlangen gleich durch das Land unter mir wanden.
 
Nach rund einer Stunde konnte ich weit im Osten das matt glänzende Band des Mekong ausmachen, dahinter die Berge von Laos. Als die Maschine tiefer ging, sah ich die sattgrünen Reisfelder, vereinzelte Hütten, hier und da, klein wie Punkte, Menschen auf den Feldern.
 
Es war Juli, der Anfang der Regenzeit. Und ich befand mich auf dem Weg ins Nava Disa Retreat Center im Nordosten Thailands.

Was immer mich erwartete, so war es die Ruhe, nach der ich mich in meiner lauten, hektischen Welt ganz besonders sehnte. Ja, ich hatte bereits meditiert und etliche Erfahrungen gemacht, die mir eine Ahnung von meinem wahren Selbst beschert und in mir die unbestimmte Sehnsucht geweckt hatten, mich eines (fernen) Tages intensiv auf die Suche zu begeben. Doch seit einigen Jahren, seit der Geburt meiner Tochter und den steigenden beruflichen Anforderungen, war ich mir still und leise abhanden gekommen.

Ruckelnd kam die Maschine zum Stehen. Als ich aus dem Flieger stieg, schlug mir Licht entgegen, so flirrendes Licht, das sich auf den Wasserfeldern ringsum spiegelte, dass es eine Freude war. Eine Freude war es auch, Han Shans lächelndes Gesicht unter den Wartenden auszumachen. Neugier erfasste mich, gepaart mit Müdigkeit nach dem langen Flug, als ich zu ihm in den Wagen stieg. Ein wenig scheu war ich, ihm, dem Master, zu begegnen, und so wandte ich den Blick träumend aus dem Fenster.

Reisfelder zogen sich entlang der Straße dahin und Dörfer mit Pfahlhäusern, der obligatorischen Mofa-Werkstatt und einem Shop, in dem es von Mönchszubehör bis hin zu Cola alles Wichtige zu geben schien. Wasserbüffel wälzten sich in Tümpeln, hin und wieder tauchte ein Arbeiter mit einem Spitzhut auf dem Kopf zwischen Bündeln von Reis-Setzlingen auf. Das also war der Isaan. Alles wirkte so exotisch und doch seltsam vertraut.

Nach einer Dreiviertelstunde bogen wir auf den Weg zum Nava Disa ein. Was immer ich mir unter einem selbst erbauten Resort vorgestellt hatte – es löste sich auf angesichts dieser von Leben erfüllten Harmonie. Ich atmete durch. Etwas in mir sagte mir, dass ich angekommen war.
 
Han Shan zeigte mir den Bungalow, in dem ich wohnen würde, und ich ließ mich fallen, dankbar für die Klimaanlage und eine warme Dusche, den Komfort, der sich so unaufdringlich in diese Oase der Ruhe einfügte. Bald darauf machte ich mich auf den ersten Erkundungsgang zur Meditationssala, einem lichten Bau aus Natursteinen und Glas, in dessen Mitte am Boden eine Lotusblüte gegossen war. Wasser sprudelte über den Stein links neben dem Altar, auf dem eine Statur der Kuan Yim stand, der Göttin des Mitgefühls. Sie hielt eine Perle in der Hand, und ich spürte Tränen in mir aufsteigen angesichts all der Menschen, die nicht glauben können, dass auch in ihnen eine Perle schlummert. Dann ließ ich den Blick zum Buddha wandern. Ein Bildnis unendlicher Güte - Sie umschloss auch mich.
 
Als ich die Sala verließ, war es dunkel geworden. Ein wenig unsicher spazierte ich die Wege entlang. Die Dunkelheit war hier vollkommen, nur hier und da schimmerte ein Leuchtkäfer zwischen den Bäumen. Nachtvögel sangen, Grillen zirpten und Geckos keiften um die Wette. Ich lief zurück zum Haupthaus, wo Han Shan schon wartete und auch ein köstliches Essen, das fast zu ästhetisch war, um mit der Gabel hineinzustechen.

Am nächsten Morgen machte ich mich mit dem Gelände vertraut, fand meine Lieblingsstelle nahe den Seen, fand eine weitere Lieblingsstelle beim großen Kuan-Yim-Tempel und eine dritte beim Drachenauge nahe der Meditationssala. Als es Abend wurde, lud Han Shan ein zur Meditation.
 
Während des Chantens spürte ich machtvolle Energien um mich herum. Ich war ein wenig ratlos, was ich tun sollte, und so ließ ich sie durch mich strömen und versuchte, das Denken loszulassen. Bald nahmen mich Visionen gefangen, lockten mich mit immer stärkeren, phantasiereichen Bildern. Wie trickreich unser Verstand doch ist.
 
Als die Vipassana-Meditation begann, waren meine Beine eingeschlafen, und ich fühlte mich auf dem Meditationshocker wie gefangen. Ich ärgerte mich über mich selbst: Schließlich war ich hierhergekommen, um zu meditieren, was störten mich da also meine Beine? Warum hielten sie mich davon ab, Achtsamkeit zu praktizieren? So wurde das nichts. Ich bewegte mich ein wenig, suchte mir eine angenehmere Haltung und ging die einzelnen Punkte der Meditation wieder von vorn durch. Den Körper spüren. Die Grundstimmung feststellen und dreimal mental notieren. Den Atem im Bauchraum spüren, dieses wellengleich Auf und Ab. Zeuge werden, wie ich da sitze - Visionen kamen, ich sagte "Sehen, sehen, sehen", und ließ sie los. Sie kamen wieder, verlockender, aber in den folgenden Tagen geriet ich tiefer und tiefer in die Meditation, lernte das Loslassen. Spät abends, manchmal auch nachts und wieder morgens kehrte ich zurück in die Sala und übte.
 
Vage erinnerte ich mich an die miesepetrige Stimmung, die ich daheim gehabt hatte, und Han Shans Buddha-Zitat kam mir in den Sinn: "Warum ist es so? "Weil das Leben so ist." Er hatte eine unnachahmliche Art, Sätze fallen zu lassen, die haargenau den Kern des Problems trafen. Han Shan ... wie sollte ich ihn beschreiben? Welche Worte findet man für einen Menschen, der nicht länger mit allem verwickelt ist, an dem kein Funken Falschheit, Diplomatie, Kalkül festzustellen ist? Nur Klarheit und dieses Annehmen - diese bedingungslose Liebe zu allem, was ist.

Nachts, wenn ich durch das Nava Disa streifte, meinte ich die Energiebahnen zu spüren, die von seiner Hütte im Wald ausgingen, durch die Bäche strömten und durch das Land. Dann schienen unsichtbare Wesen sich im Wald zu treffen, sich über das Land zu schwingen und es zu bewachen. Selbst das Wasser in den Seen wirkte beseelt, und die Lotusse auf dem Teich begangen im Mondlicht zu blühen. Dann zog ich meine Schuhe aus, verband mich mit der Erde von Nava Disa, atmete tief in den Bauch und wieder aus, immer wieder.
 
An manchen Tagen befiel mich ein Hochgefühl, ich freute mich auf die Meditation, bereitete mich vor, brachte der Kuan Yim Blumen, schmückte die Nagas mit Blütenketten.
 
Dann wieder bohrten sich Erinnerungen, Schmerzen, Gefühle in meinen Verstand, und Meditation war plötzlich harte Arbeit an mir selbst. War ich tags zuvor geradezu durch die Vipassana geflossen, kämpfte ich mich nun von Minute zu Minute und sehnte insgeheim das Ende des Chantings herbei.
 
An einem dieser mühseligen Tage, als alle schliefen, ging ich zurück zur Sala. Eine Weile saß ich nur am Eingang, wie jemand, der noch nicht weiß, ob er eintreten soll. Dann nahm ich mir ein Kissen, setzte mich nieder und meditierte. An diesem späten Abend wurde Konzentration zu Achtsamkeit, und mein Energiefeld pulsierte um mich herum. Ich ließ das Sehen los. Atmete. Ließ das Atmen los. Was blieb, war das Sein.

Daheim im lauten Deutschland erinnerte ich mich an das Versprechen, das ich mir in jenem Augenblick gegeben hatte. Und suchte nach der Ruhe und Tiefe, die im Nava Disa so zum Greifen nah war.
 
Ich bin viel gereist, habe Unterwasserparadiese gesehen, bin mit Delfinen geschwommen und habe mit Beduinen in der Wüste gesessen, nachts, nur von Sternen beleuchtet. Zugleich hat mich etwas ständig weiter getrieben, an noch fernere Orte. Jetzt aber habe ich ein Zuhause gefunden, in mir. Und wenn es mir abhanden kommt, weiß ich, wo ich es wieder finden kann: bei Han Shan, in Nava Disa.

Angela