Magazin - Visionen - 2.2010
Wer loslässt, hat zwei Hände frei
Im Gespräch mit Master Han Shan, der sein Vermögen verschenkte, um Bettelmönch zu werden.
Ein schwerer Autounfall bringt den in Asien lebenden deutschen Geschäftsmann Hermann Ricker dazu, sein erfolgreiches Geschäft aufzugeben und sein Vermögen zu verschenken, um in Thailand auf einer einsamen Insel als Bettelmönch zu leben. Nach Jahren der Einkehr legt Master Han Shan, wie er sich fortan nennt, seine Kutte ab. Heute lebt er nach buddhistischen Prinzipien und leitet ein Retreat Center in Thailand. Regelmäßig kommt er zu Vorträgen nach Deutschland.
VISIONEN Redakteurin Claudia Hötzendorfer traf ihn zum Gespräch in Düsseldorf.
Ein schwerer Unfall war der Auslöser dafür, dass Sie Ihr Leben komplett veränderten. Sie haben Ihr Vermögen verschenkt und wurden Bettelmönch in Thailand. Was ist mit Ihnen innerlich passiert, dass es zu einer so radikalen Entscheidung kam?
Gleich nach dem Unfall hatte ich das Gefühl, das Leben nicht mehr zu verstehen. Ich habe mich gefragt, was tue ich hier eigentlich? Ich war ständig unterwegs, immer standen gepackte Koffer bereit. Oft wusste ich morgens noch nicht, wo ich am Abend sein würde. Mich hat die Frage beschäftigt, warum ich das alles mache, wenn sich doch schon in der nächsten Sekunde mein Leben völlig verändern oder gar zu Ende sein kann. Mir hat mein Beruf Spaß gemacht. Aber durch den Unfall begann ich mich plötzlich damit zu beschäftigen, was mich überhaupt an diesen Punkt gebracht hat.
Wieso ist die momentane Vergänglichkeit so akut? Natürlich weiß man um den Lauf der Dinge, man weiß ums Älterwerden, um den Tod. Aber die momentane Vergänglichkeit, die gerade jetzt stattfindet, das Nichtwissen, was im nächsten Moment passiert – das hat mich sehr berührt. Ich kam zu der Erkenntnis, dass der Sinn meines Lebens nicht sein kann, so weiterzumachen wie bisher. Für mich war das Bild einfach nicht mehr stimmig.
War bei so einem radikalen Entschluss nie der Gedanke: was, wenn es schief geht? Sie haben ja alle Brücken hinter sich abgebrochen.
Das haben auch viele Freunde gefragt. Die haben mich für verrückt erklärt. Sie meinten, du musst das doch nicht gleich zu radikal machen. Lege dir etwas auf die Seite und wenn es nicht so läuft, wie du dir das denkst, kannst du wieder zurück. Aber das ist nicht meine Art und ich wollte mit mir selbst ehrlich sein. Ich wollte Wissen in mir ansammeln und die ultimative Wahrheit finden. Wenn man die Wahrheit finden möchte, kann man nicht mit der Unwahrheit anfangen. Das wäre Selbstbetrug. Deshalb gab es keinen Kompromiss.
Nun war ich schon etwas vorgeprägt, hatte bereits meditiert, was mir auch beim Geschäftemachen geholfen hat, aufmerksam und konzentriert bei der Sache zu sein. Ich habe schon die vier noblen Tugenden praktiziert und ich habe versucht, wo immer ich hinkam, gute Energien zu verteilen. Deshalb erschien mir die Entscheidung , Bettelmönch zu werden, zu diesem Zeitpunkt gar nicht so weit hergeholt. Ich habe mir gar nicht so viele Gedanken darüber gemacht, was sein könnte, wenn es schief geht. Bis dahin war mein Geschäfts-/Leben immer ein Fließen. Und das ist auch so geblieben, nur mit einer anderen Ausrichtung: Erkenntnis.
Ich wollte Wissen in mir ansammeln und die ultimative Wahrheit finden.
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