Kölner Stadtanzeiger - 12.2.2010
Hähnchenkeule war mein Glück
Als Hermann Ricker wurde Master Han Shan 1951 in Offenbach geboren. Mit 23 ging er nach Singapur, gründete mehrere Firmen. 1995 wird er Bettelmönch in Thailand, lebt dort immer noch in einer kleinen Hütte.
Interview mit Alice Ahlers
Master Han Shan, Sie waren Multi-Millionär, hatten mehrere Firmen in Asien. Waren Sie nicht glücklich?
HAN SHAN Doch, schon. Das war das Glück, von dem ich bis dahin dachte, es sei Glück, weil die Gesellschaft es einem so vorstellt. Ich bin diesem vermeintlichen Glück nachgerast wie die meisten anderen auch auf dieser Welt.
Dann hatten sie einen schweren Autounfall, den Sie wie durch ein Wunder unverletzt überlebt haben. Was hat sich danach verändert?
HAN SHAN Zum ersten Mal in meinem Leben tat ich meine Arbeit eher lustlos. Geschäfte machen, Besitz anhäufen, das brachte mich nicht mehr weiter. Was sollte mir all das, was ich je getan hatte, denn bringen, wenn das Leben jede Sekunde zu Ende sein konnte? Ich wusste, dass ich nichts davon festhalten, nichts davon mitnehmen kann, dass keiner sagen kann, was in der nächsten Sekunde passieren wird. Wie sollte ich da planen und Geschäfte machen? Und vor allem, wozu?
Sie haben ihre Firma dann zwei Angestellten überschrieben und ihr ganzes Vermögen weggeben, um in Thailand Mönch zu werden. Sie hätten doch auch einfach ihre Millionen nehmen und sich ein schönes Leben machen können.
HAN SHAN Das haben meine Freunde auch gesagt: Bis du verrückt im Kopf? Was machst du denn da? Du musst doch nicht gleich Mönch werden. Zieh dich doch langsam zurück, komm nur noch einmal die Woche ins Büro. Aber ich wollte nicht länger in diesem Rad stecken. Ich wollte das nicht halbherzig tun, das war noch nie meine Art - auch nicht beim Geschäfte machen, sondern Platz schaffen für neues Wissen. Das musste alles weg. Hätte ich nur einen geringen Anteil behalten, hätte dieser meinen Geist immer auf irgendeine Weise beschäftigt. Es hat mir sehr gut getan, bei Null anzufangen.
Vorher haben Sie im Luxus gelebt, als Mönch hatten sie nur ihre Kleidung, Schuhe, einen Gaskocher und ein Moskitonetz. War das nicht unheimlich schwer?
HAN SHAN Am Anfang war es sehr schwer. Ständig habe ich an Hähnchenkeule gedacht. Ich meditierte und dachte an Hähnchenkeule. Ich roch Hähnchenkeule. Hähnchenkeule war mein ganzes Glück. Ich hatte vorher nie in meinem Leben selber Kleider gewaschen oder Essen gekocht, und dann stand ich da im See mit den Blutegeln an den Füßen und habe meine Kutten gewaschen. Wenn die eine fertig war, war die andere schon wieder nass. Aber ich sah auch, dass alles, was ich tat, einen direkten Effekt hatte. Wenn ich meine Schale nicht gleich sauber machte, war sie voller Ameisen. Mit der Zeit wurde ich freier und freier von Dingen und Sachen, von Gedanken und Vorstellungen.
Der ehemalige Manager und Millionär musste dann auf einmal betteln gehen. Wie war das für Sie?
HAN SHAN Zwei Stunden am Tag habe ich meine Bettelrunde gemacht - fünf bis sechs Kilometer. Die Leute gaben mir soviel Zeugs, dass ich anfangs abgelehnt habe: Nein, soviel brauch ich doch gar nicht. Das war natürlich typisch Deutsch: Nein, nein - bitte nicht, das kann ich nicht annehmen. Aber dann habe ich gelernt, dass Geben sehr wichtig ist, für den, der gibt. Als Mönch darf man nichts ablehnen, weil man den Leuten damit die Gelegenheit nimmt, bei sich selbst gute Energie zu erzeugen.
Was ist jetzt Glück für Sie?
HAN SHAN Glück hat für mich nicht mehr mit Dingen zu tun. Davon habe ich mich gelöst. Ich halte nicht mehr an Sachen fest, weil ich weiß, alles geht wieder. Der lichteste Moment geht vorüber, aber auch der dunkelste geht weg, nichts ist für immer, alles wechselt laufend und zu jeder Zeit. Wenn man das mal verstanden und realisiert hat, dann kann man mit dem Leben anders umgehen. Wenn ich etwas Nettes sehe oder höre, dann freue ich mich, lasse es aber wieder los, klammere mich nicht daran fest. Glück ist für mich eine Art von Wohlbefinden, das ich permanent bei mir habe, ich nehme es mit, wo immer ich hingehe. Ich habe mir das selbst erarbeitet und jeder kann es sich selbst erarbeiten.
Aber nicht jeder kann alles hinschmeißen, nach Thailand gehen und Mönch werden, um das Glück zu finden.
HAN SHAN Das muss man auch nicht. Ich rate den Leuten immer: Fangt einfach an, jeden Tag zwei Mal zehn Minuten zu meditieren, eure Aufmerksamkeit zu trainieren, das Bewusstsein zu schärfen für die Gedanken und Gefühle, die im Körper, in einem vorgehen. Schon das kann einem helfen, sein Leben besser zu bewerkstelligen, besser zu arbeiten, bessere Entscheidungen zu treffen, mit Leuten anders umzugehen, seine eigenen Ängste loszulassen. Angst ist keine gute Energie. Gerade jetzt in der Krise beeinflusst sie die Leute sehr. Jeder, der etwas tut und dabei von Angst überlagert ist, wird es nicht so gut tun.
Mittlerweile gehen sie in Unternehmen und beraten Manager - auch in Deutschland. Warum?
HAN SHAN Ein wirklicher Lernprozess hat durch die Wirtschaftskrise in den Unternehmen nicht stattgefunden. Es ist nötig, dass sich in Europa und generell in der Welt, neue Denkweisen durchsetzen. Die alte Art zu denken wird nicht mehr lange halten. Wir müssen in der Wirtschaft neue ethische Werte etablieren, eine Firmenphilosophie, die uns hilft, mit uns selber und miteinander richtig umzugehen, zu wissen, dass wir alle ein Teil vom Ganzen sind und uns danach benehmen, statt dieses Scheuklappendenkens, das viele Manager an den Tag legen.
Wie soll das gehen?
HAN SHAN Wir müssen Leute fördern, die nicht lügen, die gut zusammenarbeiten, statt die zu fördern, die die anderen ausspielen und unterdrücken. Die Mitarbeiter verbringen sehr viel Zeit in der Firma, sie sollen sich dort wohlfühlen, dann tragen sie dieses Wohlbefinden auch in die Familien, zu den eigenen Kindern, die das Wohlbefinden wieder mit in ihre Arbeitswelt nehmen. Wenn dieser Kreislauf mal geschlossen ist, dann wird die Gesellschaft sich ändern. Natürlich muss es einen geben, der der Boss ist, und einen, der sauber macht, aber im Prinzip wollen wir doch alle dasselbe: ein gutes, wohlbefindliches Leben.
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