Frankfurter Rundschau - 8.1.2010


Master Han Shan

Offenbacher wird Bettelmönch - Vermögen verschenkt 

Interview: Madeleine Reckmann

 

Früher hießen Sie Hermann Ricker und lebten in Offenbach. Jetzt werden Sie als Master Han Shan aus Thailand vorgestellt. Wie rede ich Sie am besten an?

Han Shan reicht. Ich habe den Namen von einem chinesischen Meister aus dem 17. Jahrhundert angenommen, der über Buddhas Lehren schrieb. Ich war seit 1973 schon nicht mehr in Offenbach, weil ich Jahrzehnte in Singapur, später in Thailand lebte.

 

Vor vielen Jahren waren Sie erst für die Firma Rollei in Südostasien tätig, später als Geschäftsmann erfolgreich und ein wohlhabender Mann. Dann wurden Sie Bettelmönch. Können Sie Ihre Wandlung erklären?

Ich hatte mich schon als Geschäftsmann mit dem Buddhismus beschäftigt und regelmäßig meditiert. Nach einem Autounfall in Malaysia, bei dem ich wie durch ein Wunder unversehrt mit dem Leben davonkam, wollte ich mehr über den Sinn des Lebens und mich selbst wissen. Der Unfall machte mir die unmittelbare Vergänglichkeit des Lebens bewusst. Ich stellte fest, dass ich zwar viel über die Welt und die verschiedenen Kulturen wusste, aber nichts über mich selbst. Ich verspürte den großen Drang, die Wahrheit meines Daseins zu ergründen. Dazu musste ich alles andere beiseite räumen, um Platz für das neue Wissen zu schaffen.

 

Und dann?

Ich habe meine Firma meinen zwei treusten Mitarbeitern überschrieben und meinen Besitz wohltätigen Organisation in Singapur geschenkt. Dann ordinierte ich als buddhistischer Bettelmönch in Thailand und lebte zehn Jahre als Mönch davon, was mir andere Menschen in meine Bettelschüssel legten. Zwei Jahre lebte ich allein auf einer Insel in einem Binnensee. Ich meditierte viel, bis zu 15 Stunden am Tag.

 

Haben Sie die Erkenntnis gefunden?

Ja, ich habe gelernt, mein Bewusstsein zu schärfen und die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Das menschliche Energiefeld ist im Alltag oft von Gedanken, Gefühlen, Vorstellungen überlagert, an die wir uns festhalten. Durch verstärkte Aufmerksamkeit ist es möglich, diese zu erkennen und loszulassen. Dabei macht sich ein neues, nie gekanntes Gefühl des Wohlbefindens frei. Man erkennt eine Kunst der Lebensführung, bei der das eigene Wohlbefinden nicht mehr abhängt von äußeren Umständen und Vorstellungen.

 

Können auch die Offenbacher nach ihr leben oder muss man dafür etwa nach Thailand gehen?

Die Lehre Buddhas ist für jeden im Leben direkt anwendbar. Jeder kann mit gestärkter Aufmerksamkeit durchs Leben gehen und somit eine höhere Ebene des Wohlbefindens erlangen. Die Methode dazu ist die in sich selbst schauende Meditation, bei der man, Stufe um Stufe, neue Erkenntnisse erlangt. Die vier Punkte der Aufmerksamkeit, die man dazu benutzt, habe ich in meinem Buch "Wer loslässt, hat zwei Hände frei" beschrieben. Während meiner Besuche in Deutschland halte ich Vorträge und gebe Anleitungen zum Erlernen dieser Meditation.

 

Ist die Lehre mit Jesus vereinbar?

Aber ja, es geht auch hier um die universelle Liebe, die alle Wesen auf der Welt miteinschließt.

 

Sie sind jetzt auf Lesereise. Kommen Sie auch nach Offenbach?

Gerne würde ich auch nach Offenbach kommen, aber momentan steht es nicht auf meinem Plan. Es würde mich freuen, wenn es bei meinem nächsten Besuch klappt.

 

Artikel Online: Frankfurter Rundschau