Bild am Sonntag vom 26.10.2008
Ex-Millionär verschenkte sein Vermögen nach Autounfall
Mein armes Glück
Wir finanzkrisenbesorgten Deutschen bangen zurzeit um unseren Wohlstand. Wie gut tut da die Geschichte von Hermann Ricker aus Offenbach, der nach einem Autounfall sein Millionenvermögen verschenkte, um als Bettelmönch durch Thailand zu ziehen.
(von STÉPHANIE GRIX)
„Ich habe gelernt, mein Bewusstsein zu schärfen und die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Völlig unbeeinflusst von Gefühlen, denn die sind vergänglich. Die meisten Menschen ärgern sich zu viel und verlieren darüber den Blick fürs Wesentliche.“ (Master Han Shan, früher Hermann Ricker)
Eine kleine Insel auf einem See in Nordthailand. Kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Nachbarn. Hier, an diesem einsamen Ort, ließ sich der Offenbacher Millionär Hermann Ricker 1995 von einem Fischerboot absetzen, um sein neues Leben zu beginnen. Er hatte nur eine Bastmatte dabei, einen Gaskocher, Streichhölzer, ein Paket Instant-Nudeln, eine Blechschüssel, eine Taschenlampe und seine alte Cartier-Brille.
An jenem Sommertag vor 23 Jahren wurde aus Hermann Ricker der Bettelmönch Ophaso.
Drei Monate zuvor war der Deutsche nachts mit einem Lastzug zusammengestoßen: Rickers Jaguar flog erst an die Leitplanke und dann durch die Luft. Ricker überlebte unverletzt: „Ich hatte nur einen Glassplitter im Ohr.“
„Irgendetwas in mir drin kam nicht mit der Vorstellung klar, nach diesem Unfall einfach so weiterzuleben“, erzählt Hermann Ricker, der sich heute Master Han Shan nennt und gerade zu Besuch in Deutschland ist. „Ich schloss mich drei Tage in meinem Penthouse ein, schickte meine Hausmädchen weg.“ Am dritten Tag stand für ihn fest: „Ich möchte Bettelmönch werden.“
Hermann Ricker besaß zu diesem Zeitpunkt drei Fabriken (Jahresumsatz: 330 Millionen Dollar, 1000 Mitarbeiter). Er hatte ein Haus in Hongkong, ein Apartment in Penang, ein Penthouse in Singapur. Neben seinem Jaguar fuhr er einen Lotus Esprit Turbo und einen Geländewagen. Er besaß eine Jacht, und auch alles andere, was ihm gehörte, war chic und teuer.
Doch jetzt, wo der gelernte Diplomingenieur erfahren hatte, wie vergänglich Glück sein kann, stellte er sich Fragen. Vor allem diese: Warum häuft der Mensch ein Leben lang Besitztümer an, wenn er am Ende gar nichts mitnehmen kann? Ricker sagt, in ihm drin sei etwas ganz Tiefes hochgekommen. „Es war vermutlich schon immer da . . .“ Er spricht von einer „eingebauten Richtungsänderung“ in seinem Leben. Ricker, der mit 22 nach Asien ausgewandert war und seitdem auch viele Mönche getroffen hatte, wusste plötzlich: „Die Antworten, die ich suchte, konnte ich nur in mir selbst finden.“
Er sagt, er sei immer ein Ganz-oder-gar-nicht-Typ gewesen. Auch diesmal entschied sich Hermann Ricker für „ganz“ und überschrieb sein 330-Millionen-Dollar-Imperium seinen Mitarbeitern. „Meine Freunde hielten mich für verrückt.“
Welcher Verzicht schmerzte am meisten? „Niemanden mehr zu haben, der alles für einen erledigt“, sagt Master Han Shan. Dann aber erzählt er davon, wie er auf der Terrasse seines Penthouses stand und auf den Teich schaute, den er sich dort – Wasserfall inklusive – hatte anlegen lassen. „Als ich meine Koi-Karpfen zum letzten Mal sah, wurde ich wehmütig.“
Die ersten Tage auf Don Sawann (Insel des Himmels). „Nur mit meiner Mönchskutte bekleidet, fühlte ich mich ganz leicht.“ Ja, in den ersten Wochen habe er noch oft „an die Welt da draußen“ gedacht. Der Mann, der früher für alles Personal hatte, stand nun am Ufer des Sees und wusch seine Kleidung. „Ich war genervt, denn das, was ich dabei anhatte, war inzwischen schon wieder durchgeschwitzt.“
Jeden morgen um fünf ging Ophaso auf Betteltour am anderen Ufer des Sees. Für die Menschen in Thailand ist es eine Ehre, einem Mönch etwas geben zu dürfen. „Sie haben Respekt vor dir, weil du nichts hast. Meine Schüssel war immer voll.“
Enthaltsam zu leben, fiel ihm in anderer Hinsicht anfangs nicht leicht – „aber auch da hilft die Meditation“, lächelt der Master. Mit Anfang 20 war er mal ein Jahr verheiratet. Seine Arbeit, das Unterwegssein hatten ihn so ausgefüllt, dass er sich nie wieder fest band. „Ich habe Frauen verletzt, obwohl ich immer ehrlich war.“
Wurde ihm nie langweilig in der Stille? „Nein. Ich brauche kein Kino, hab meinen eigenen Film.“ Bis zu 15 Stunden meditiert er am Tag. Unvorstellbar für uns, die wir ständig vor dem Fernseher hängen.
Hermann Ricker war zehn Jahre lang Bettelmönch, dann wurde er zum Master „befördert“. Er ist jetzt kein Lernender mehr, sondern ein Lehrender. 1999 wurde ihm ein Stück Land geschenkt, dort ist ein Zentrum der Stille entstanden. Die Menschen kommen zu Master Han Shan, wenn sie, wie Hermann Ricker damals, auf der Suche sind. Hier lehrt er das, was aus ihm selbst einen anderen Menschen gemacht hat: „Ich empfinde heute eine Form von Glück, von dem ich nicht dachte, dass es das gibt.“
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